Der Rothaarsteig
Fernwandern für die Sinne

Der Rothaarsteig
Fernwandern für die Sinne

Dina schreibt auf dem Blog Borderherz über ihre Outdoor-Abenteuer und Touren in Deutschland und Österreich. Dabei stellt sie immer die wichtigsten Informationen zur Kinder- und Hundefreundlichkeit in den Vordergrund. Für uns hat sie ihre Erlebnisse über den Fernwanderweg Rothaarsteig zusammengefasst.

Sanft glitzert der feine Morgentau in den ersten zaghaften Sonnenstrahlen des Tages, die sich langsam ihren Weg durch das dichte Blätterdach bahnen. Gemächlich erhebt sich der Frühnebel in wabernden Schwaden vom feuchten Waldboden. Ein Fuchs auf der Suche nach seinem Frühstück kreuzt den einsamen Pfad und blickt uns erstaunt in die Augen. Die Vögel des Waldes beginnen mit ihren Weckrufen und einem bezaubernden morgendlichen Gesang. Gemächlich erwacht der Wald zum Leben. Die Zeit spielt keine Rolle, scheint gar stillzustehen in dieser mystischen Welt, in der Tiere, Natur und Mensch im Einklang miteinander sind.

Bilderrahmen
© dina knorr

Meter um Meter zieht es uns weiter in die unergründlichen Tiefen des Waldes. Unzählige Augen beobachten jeden unserer Schritte, mit denen wir über die menschenleeren Pfade des Rothaarsteigs ziehen. Mit jedem Stück, das wir vordringen, wird uns der Weg der Sinne bewusster. Die Natur hüllt uns ein in ihren Zauber und schenkt uns eine unvergessliche Reise.
Der anfängliche Ballast im Gepäck weicht mit jeder Sekunde und schafft Raum und Platz für Neues, das unsere Sinne mit Begeisterung aufnehmen und tief in unsere Gedanken verwurzeln.

Genau so begann die zweite Etappe des Rothaarsteigs, den meine Tochter, unsere Border Collie Hündin und ich im vergangenen Sommer gewandert sind. 154 Kilometer quer durch das Sauer- und Siegerland führten uns von dem bezaubernden Fachwerkstädtchen Brilon bis in die eindrucksvolle Oranienstadt Dillenburg. Dazwischen lediglich Natur pur und am Ende jeder Etappe ein kleiner Ort zum Übernachten. Doch fangen wir von vorne an:

Der Weg der Sinne – Die Etappen

Der Rothaarsteig zählt zu den Top Trails of Germany und wird auch gerne als der „Weg der Sinne“ bezeichnet. Deshalb empfiehlt es sich, für die Wanderung genügend Zeit einzuplanen. In der Regel werden für die Tour 8 Etappen vorgegeben, sportliche Wanderer verkürzen auf 6. Ob letzteres allerdings ausreicht, um wirklich alle Facetten dieser Fernwanderung kennen zu lernen, ist zu bezweifeln und wohl eher für die geeignet, denen es lediglich um die sportliche Herausforderung geht oder die Fernwanderweg um Fernwanderweg von ihrer Liste abhaken möchten.

Gut, nun muss nicht gleich jeder wie wir 11 Etappen daraus machen, aber ein guter Mittelweg bei der Weg- und Zeitplanung ist durchaus sinnvoll. Dann lässt sich der Rothaarsteig mit seinen vielen Highlights, die es am Wegesrand zu entdecken gibt, auch wirklich als „Weg der Sinne“ genießen. Zudem bietet eine ausreichende Zeitplanung auch Freiraum zur Regeneration nach einer anstrengenden Etappe. Immerhin sind auf den 154 Kilometern 3064 Höhenmeter im Aufstieg und 3291 Höhenmeter im Abstieg zu überwinden. Damit ist auch eine Wanderung durch die deutschen Mittelgebirge durchaus eine ordentliche, sportliche Betätigung.

Landesgrenze
Landesgrenze – © dina knorr

Etappe 1

Und so stehen wir da, nach Monaten der Planung und Vorbereitung, schließen die Haustüre, schultern allesamt die Rucksäcke (ja sogar unsere Hündin trägt einen Teil ihres Gepäckes selbst) und können es kaum glauben, dass wir es wirklich wagen – ein Abenteuer zu Dritt. Das Auto bleibt stehen und die ersten Schritte führen uns zur Bushaltestelle. Ganz authentisch, nachhaltig, ziehen wir los, nur mit dem Nötigsten, was wir in den kommenden Tagen brauchen und fühlen uns wie echte Bagpacker. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln geht es zum Startpunkt des Rothaarsteigs nach Brilon, wo wir am gleichen Tag noch die historische Altstadt besichtigen, um frisch und ausgeruht am Folgetag mit der großen Wanderung zu beginnen.

Jede einzelne Etappe des Rothaarsteigs hat ihre ganz besonderen Eigenheiten. Bereits die erste Etappe nach Willingen hat es in sich. Neben 25,1 Kilometern sind 634 Höhenmeter zu überwinden. Damit zählt der Streckenabschnitt gleich zu Beginn zu den schwersten der gesamten Tour und wer sich nach der Passage vorbei an dem Naturdenkmal Bruchhauser Steine bereits am Ziel wähnt, dem sei gesagt, es steht noch ein steiler Anstieg zum Richtplatz bevor. Mit den letzten Wasserreserven des Tages, die wir in kleine Schlückchen einteilen, bis der Aufstieg vollbracht ist, erreichen wir Willingen.

Etappe 2

Die zweite Etappe von Willingen nach Winterberg belohnt uns am nächsten Tag mit gleich zwei Gipfelkreuzen. Wir erklimmen den höchsten Berg Nordrhein-Westfalens, den Langenberg mit 843m über NN und etwas später den Clemensberg, von dessen Gipfel wir einen eindrucksvollen Ausblick über das Sauerland genießen können. Standesgemäß tragen wir uns in die Gipfelbücher ein und stempeln unsere Wanderpässe.

Schanze Winterberg
Schanze Winterberg – © dina knorr

Etappe 3 bis 5

Der Streckenabschnitt von Winterberg bis Latrop wird normalerweise als eine Etappe gewandert. Da es in der Umgebung allerdings auch abseits des Rothaarsteigs viel zu sehen gibt und sich für Familien ein breites Spektrum an Freizeitmöglichkeiten anbietet, kommen wir in Latrop erst am Abend von Etappe 5 an. Wir erklimmen den Kahlen Asten, durchstreifen die Region der im Sauerland freilebenden Wisente; bekommen aber leider keinen zu Gesicht. Dafür aber überqueren wir als ganz besonderes Highlight dieser Etappe die Hängebrücke bei Kühhude. Inmitten des Waldes scheint sie zu schweben und so leitet sie den mutigen Wanderer in 12 Metern Höhe über eine Schlucht.

Etappe 6

Die 6. Etappe führt über 17 Kilometer von Latrop zum Rhein-Weser-Turm. Zunächst steil bergan, dann auf gemütlichen Pfaden, wandern wir vorbei an bezaubernden Rastplätzen und genießen immer wieder herrliche Ausblicke auf die Landschaft. Am Ziel angekommen ist der Aufstieg auf den Turm ein Must-Do. Wer die hölzernen Stufen im Inneren erklommen hat, dem bietet sich von oben ein sagenhaftes Panorama.

Etappe 7

Die Ginsberger Heide mit der Ginsburg ist das Ziel der 7. Etappe. Der Rothaarsteig verläuft ein Stück durch das malerische Schwarzbachtal und vorbei an der Ferndorfquelle. Überhaupt sind das Sauerland sowie das Siegerland geprägt von Quellen. Viele namhafte Flüsse wie die Ruhr, die Sieg, Lahn oder Dill haben ihren Ursprung in der Region. So bieten sich an zahlreichen Stellen immer wieder Möglichkeiten, die Trinkflaschen mit frischem Quellwasser aufzufüllen.

 

Etappen 8 & 9

Mittlerweile sind wir im Siegerland angekommen, von wo aus wir noch 4 Etappen bis Dillenburg vor uns haben. Dabei durchwandern wir das wunderschöne Edertal und passieren auf dem Weg bis Lahnhof sowohl die Eder- als auch die Sieg- und Ilmquelle.

Ilsequelle
Ilsequelle – © dina knorr

 

Am Folgetag erreichen wir die Ilsequelle, die schon mit Mittelalter ein beliebter Ort war, da ihr heilende Kräfte nachgesagt werden. Tatsächlich gibt es auch nur zwei weitere Quellen, die die gleiche Wasserzusammensetzung haben, nämlich die Quellen in Sulzach und Lourdes. Somit lassen wir es uns nicht nehmen, unsere gesamten Wasservorräte aus der Leitung mit dem erfrischenden und kristallklaren Quellwasser auszutauschen. Bis kurz vor dem Etappenziel in Irmgarteichen kommen wir damit aus und sind froh, dass wir an der Dillquelle erneut unsere Flaschen füllen können. An diesem Abend sitzen wir noch lange gemütlich draußen auf der Terrasse des Gasthofes, in dem wir unser Zimmer gebucht haben. Wir plaudern, essen und stoßen an einem großen Tisch mit Gleichgesinnten auf die Wanderung an und können uns kaum aufraffen ins Bett zu gehen. Doch zwei weitere Etappen sind noch zu bewältigen.

Etappe 10

Unsere vorletzte Etappe des Rothaarsteigs zum Forsthaus Steinbach ist mit 13 Kilometern wieder vergleichsweise kurz. Über die Tiefenrother Höhe, die uns unglaubliche Ausblicke beschert, geht es bei sehr sommerlichen Temperaturen bis zum Tagesziel. Nun heißt es tief Luft holen für die letzte Etappe, die es bis Dillenburg noch einmal in sich hat.

Tiefenrother Höhe
Tiefenrother Höhe – © dina knorr

Etappe 11

Während wir an Tag 1 in Brilon noch bei eher wenig sommerlichen Temperaturen gestartet sind, so wird es Etappe für Etappe wärmer. Die Sonne brennt vom Himmel und ausgerechnet zur Mittagszeit durchqueren wir die abgemähten Felder Manderbachs.
Froh wieder im schattigen Wald zu sein, geht es dem Ziel entgegen. Jedoch ist das Ende des Rothaarsteigs am Stadtrand von Dillenburg noch nicht erreicht. Vielmehr heißt es jetzt noch ein letztes Mal steil bergan, denn wir müssen die Stadt oberhalb umrunden und wandern dafür über den sogenannten Weinberg. Vorbei am Pavillon geht zu dem märchenhaft wirkenden Bismarcktempel. Grandios öffnet sich der Blick hier oben über die Stadt bis zur gegenüberliegenden Bergseite, auf der majestätisch der Wilhelmsturm thront. Anschließend bergab und einmal quer durch Dillenburg haben wir das Ende des Rothaarsteigs am Bahnhof schließlich gefunden.

Mehr als 154 Kilometer liegen hinter uns – über 308.000 Schritte auf Füßen und noch mehr auf Pfoten. Es war ein Abenteuer. Der Wald oft menschenleer und einsam, mystisch anmutend, manchmal gar etwas unheimlich, besonders in den frühen Morgenstunden. Nur wir, 3 Mädels, eins mit der Natur und den Tieren. Unterwegs durch eine unfassbar vielseitige Landschaft mit unzähligen Eindrücken, die auf unsere Sinne einprasselten. All das, dazu die einzigartige Gastfreundschaft der Menschen in den Hotels und Gasthöfen, in denen wir übernachten durften sowie die netten Gespräche mit anderen Wanderern, mit denen wir zusammen an den herrlichen Rastplätzen im Wald gegessen und geplaudert haben, werden wir niemals vergessen. Fernwandern hat seinen ganz eigenen Reiz und jedem der sich auf diese besondere Reise begibt, geben wir einen Tipp: Nehmt euch Zeit. Zeit zum Schauen, zum Verweilen, zum Genießen. Nur so werdet ihr eine Erinnerung fürs Leben schaffen.

Dina hat auch ein Buch über den Rothaarsteig veröffentlicht. Der Tourenbegleiter enthält hilfreiche Wander- und Ausflugstipps sowie Hotelempfehlungen. Erhältlich in unserem Webshop.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weitere Erlebnisse von Dina, ihrer Tochter und ihrem Hund findet ihr auf ihrem Blog, sowie auf Facebook und Instagram.

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Unsere Kollegen haben uns ihre Lieblingsplätze in Österreich verraten. Daraus ist eine schöne Sammlung an Ausflugszielen und Urlaubsdestinationen entstanden.

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